Prof. Dr. rer. nat. habil. Sigismund Kobe

Geb. 25. Oktober 1940 in Zella-Mehlis
1959-1965 Studium (Kernphysik und Physik) an der TH/TU Dresden
1965-1992 Assistent, Lehrer im Hochschuldienst und Oberassistent an der Sektion Physik der TU Dresden
1971 Promotion zum Dr. rer. nat.
1988 Dr. sc. nat. (1991 Dr. rer. nat. habil.)
1992 außerplanmäßige Professur (TU Dresden)
Seit 1.6.1992 Professur für Theorie ungeordneter Festkörper am Institut für Theoretische Physik der TU Dresden

Rückblick auf TU-Initiativen beim Neubeginn

Prof. Dr. rer. nat. habil. Sigismumd Kobe
Technische Universität Dresden

Herr Staatsminister,
Magnifizenzen,
meine sehr verehrten Damen und Herren.

Fragt man nach der Notwendigkeit für einen Neubeginn nach 1989 an unserer Universität, so führt dies zurück in die Zeit des Wiederaufbaus nach dem 2. Weltkrieg.
Damals waren Lehre und Forschung geprägt durch die Fachkompetenz von Hochschullehrern der alten Schule.
Die Namen der Professoren Barkhausen, Willers, Simon, Recknagel, Lichtenheld, Schwabe, König seien stellvertretend auch für viele andere genannt. Sie knüpften an gute Traditionen akademischer Bildung an, ihr Einfluß übertrug sich auf ihre Schüler, überdauerte die Zeiten zunehmender Fremdbestimmung und wirkt - genau besehen - bis heute fort.

Der akademische Mittelbau war - an heutigen Maßstäben gemessen - personell geradezu üppig ausgestattet.
Auch mit seiner Hilfe war es möglich, eine hohe Qualität der Lehre zu sichern. Erinnert sei z.B. an die akribische und fundierte Ausbildung der Ingenieurstudenten in Physik, über die man noch heute bei Treffen der Alumni manch lobendes Wort hören kann.

Im Zuge der so genannten 3. Hochschulreform 1968/1969 änderte sich die Situation. Die Einflußnahme der SED auf die Hochschulen der DDR wurde zur Staatsdoktrin und untergrub zunehmend und schleichend deren Autonomie. Die nun einsetzende Entwicklung ist wohl am ehesten durch den Begriff "Deformation" zu charakterisieren. Es wurde fast unmöglich, die Hochschullehrer-Laufbahn einzuschlagen ohne der Staatspartei anzugehören, und jeder Betroffene musste in dieser Konfliktsituation seine persönliche Entscheidung treffen. Jedem Eingeweihten sind jedoch auch Beispiele bekannt, wie unter solchen Schlagworten wie "Kaderpolitik", "Nomenklaturkader" und "Kaderreserve der Partei" die Linientreue eines Kandidaten zur Partei einen höheren Stellenwert bekam als dessen wissenschaftliche und hochschulpädagogische Kompetenz. In weiteren Fällen wurden bei Berufungen sogar die eigenen DDR-Gesetze unterlaufen.

Folgende Beispiele für Deformationen seien hier erwähnt:

Wissenschaftler wurden durch Kontrolle des Briefverkehrs mit Kollegen im Ausland bevormundet, ja entmündigt. Abgehende Briefe mußten bei der Parteileitung offen eingereicht werden, und es unterlag der Willkür der Schnüffler, ob die Post überhaupt abging oder ob evtl. eingehende Post dem Adressaten zugestellt wurde, und wenn ja, dann natürlich im geöffneten Zustand.

Die ROA-Werbung (ROA=Reserve-Offiziers-Anwärter) wurde aggressiv und erpresserisch geführt. Derjenige Student, der sich dennoch nicht beugte, wurde als Forschungsstudent abgelehnt, konnte also nicht Doktorand werden. Auf diese Weise verlor unsere Universität nachweislich viele ihrer besten Studenten für den wissenschaftlichen Nachwuchs, während besser Angepasste deren Plätze einnahmen.

Die folgende Begebenheit zeigt, dass die Deformation sogar bis in die wissenschaftliche Arbeit selbst hineinreichten. Ende April 1989 konnte man überall lesen, dass es in der Nacht vom 18. zum 19. April einem Kollektiv von Kernphysikern und Elektrochemikern der TU Dresden gelungen ist, eine Kernfusion auf kaltem Wege einzuleiten. Am 20. April wurde eiligst eine Pressekonferenz einberufen. Anstatt die Ergebnisse der Versuche zuerst mit Fachkollegen an der Universität zu diskutieren, wurde in der erfolgshungrigen Parteipresse der Eindruck vermittelt, dass das Energieproblem der Zukunft von TU-Wissenschaftlern praktisch gelöst worden sei:


Schlagzeile auf der Titelseite des "Neuen Deutschland" vom 20.April 1989

In dieser Zeit wurden die Geschicke der Universität längst durch die SED (fremd-)bestimmt. De facto stand der 1. Sekretär der SED-Kreisleitung TU Dresden vor dem Rektor. Etwa 80% der wissenschaftlichen Mitarbeiter (bei den Hochschullehrern war der Anteil noch höher) waren Mitglieder der SED, die sich anschickte, den 40. Jahrestag ihres Staates zu feiern. Doch dann begannen - im Zusammenhang mit der Durchfahrt von Zügen der Prager Botschaftsflüchlinge - am 3.10.1989 die Ereignisse am Hauptpahnhof:


Polizeikette gegen Demonstranten am Dresdner Hauptbahnhof am 5. Oktober 1989

Im Laufe der Woche änderte sich die äußere Form der Proteste, und etwa nach Wochenmitte sahen sich friedliche Demonstranten in Dresden unter der Losung "Keine Gewalt" der Gewalt der Staatsmacht gegnüber. Ein wichtiger erster Erfolg der friedlichen Revolution wurde hier in Dresden errungen:
Bereits am Sonntag, dem 8. Oktober, also am Vorabend der großen Leipziger Demonstration, hatte sich die "Gruppe der 20" gebildet und es begannen erste Verhandlungen mit Partei- und Stadtleitung.

An der Universität selbst - nur wenige hundert Meter von den Ereignissen entfernt - war keine Reaktion auf die dramatischen Ereignisse zu spüren, abgesehen von einer Stellungnahme des Rektors im DDR-Fernsehen gegen die Demonstration auf der Straße. Noch am 6. Oktober schrieb der 1. Prorektor einen Brief an das MfS und meldete das Auffinden von Flugblättern gegen ROA-Werbeaktionen.

Sprachlosigkeit machte sich breit, die Stimme des Geistes schien zu schweigen.

Die Gruppe derjenigen, die mit dem andauernden Schweigen nicht einverstanden war, bestand hauptsächlich aus Angehörigen des akademischen Mittelbaus, die meist der mittleren und älteren Generation angehörten. So war es z.B. auch an der Sektion Physik.

Man kannte sich untereinander als kritische Fragesteller während der monatlichen Schulungen in Marxismus-Leninismus. Andere waren auch schon an der sogenannten "Baumaktion" beteiligt, bei der es darum ging, Bäume im Unigelände vor willkürlichem Fällen zu bewahren. Schon ein solcher Protest galt als Auflehnung gegen die Staatsmacht.

Ansonsten versahen sie - eher unauffällig - ihre Pflicht als Angehörige des akademischen Mittelbaus, waren eben "Müller, Meyer, Schulze" (oder "Scholz"), mit Vornamen Peter, Hartmut und Siegfried.
Und so erinnere ich mich an eine Begegnung mit Dr. Peter Müller in der Zeit, als die meisten TU-Angehörigen nur eine Frage bewegte, ob denn die Parteimächtigen den gesellschaftlichen Frieden auf die gleiche Weise wiederherstellen würden wie dies zuvor die chinesischen Genossen auf dem "Platz des Himmlischen Friedens" praktiziert hatten. Mit der raschen Entwicklung auf der Straße und dem diesbezüglich glücklichen Ausgang wandelte sich auch das Thema in den Gesprächsrunden. Nun stand die Frage im Raum: Wie geht es weiter mit der TU?

Sehr bald stießen parteilose Mitarbeiter aus den Werkstätten, den technischen Bereichen und aus der Sektionsbibliothek hinzu. Potenzielle Verbündete waren die nicht sehr zahlreichen unbelasteten Professoren, die - zumeist schon im höheren Lebensalter - in der Folgezeit eine immense Arbeit leisteten und eine große Verantwortung für den Neubeginn übernahmen.

Dann überschlugen sich die Ereignisse: Am Montag, dem 13. November, also 4 Tage nach der Öffnung der Grenzen sollte das Konzil im Großen Hörsaal Physik tagen. Stattdessen berief die Leitung der Universität eine Vollversammlung aller Mitarbeiter und Studenten am Sportplatz Nöthnitzer Straße ein, die 13 Uhr begann:


Blick auf die Vollversammlung aller Mitarbeiter und Studenten der TU am 13. November 1989, 13 Uhr, am Sportplatz Nöthnitzer Straße (Foto: Dr. Rolf Dietzel)


Vertreter der Leitung der TU auf der Vollversammlung am 13. November 1989 (Foto: Dr. Rolf Dietzel)

Nach den Ausführungen der Offiziellen ergriffen weitere Redner das Wort. Die Aberkennung der Professur für den gerade ausgewechselten 1. Sekretär der Kreisleitung TU der SED spielte eine Rolle.

Den meisten der damals Anwesenden wird der Auftritt von Dr. Hilmar Heinemann aus der Sektion Physik noch in Erinnerung sein:


Dr. Hilmar Heinemann aus der Sektion Physik spricht als Vertreter des "Neuen Forum" (Foto: Dr. Rolf Dietzel)

Er stellte sich als Vertreter des "Neuen Forum" vor, nachdem er sich einen Platz auf der Rednerliste durch die Drohung erzwungen hatte, dass für den Fall seiner Abweisung dies auf der am gleichen Abend stattfindenden Dresdner Montagsdemonstration thematisiert werden würde.

Seine Sicht auf den 40. Jahrestag der DDR als -wörtlich - "40 Jahre Leben in einem Staatsgefängnis, 40 Jahre Bevormundung durch die SED und 40 Jahre Leben mit Demütigung, Lüge und Heuchelei" wurden mit empörten Zwischenrufen quittiert. Am Ende seiner Ausführungen verlas er 14 Thesen für die Veränderung im Lande, darunter:

Aus dem Kreise der Zuhörer erntete Heinemann während seiner Ausführungen Pfiffe und Buh-Rufe.
Stimmen wurden lauf, die forderten ihn vom Podium zu holen. Von anderen Mitarbeitern und Studenten erhielt er Beifall.
Diese Reaktion auf das mutige Auftreten von Dr. Heinemann war typisch für die damalige Situation an unserer Universität und war ein Grund mehr für die vorher erwähnten Kollegen aus der Physik, sich an die TU-Öffentlichkeit zu wenden.

Bereits vorher, nämlich schon am 6. November, hatten sich 8 Mitglieder der Sektion Mathematik an ihre Kollegen mit der Forderung nach radikalen Veränderungen in der Kaderpolitik und klarer Abgrenzung der Dienstpflichten genannt:


Erklärung von 8 Mitgliedern der Sektion Mathematik vom 6. November 1989

Mit einem Gründungsaufruf wandte sich die "Initiative für die Umgestaltung an der Universität" der Sektion Physik am 1. Dezember an die Universitäts-Öffentlichkeit:


Gründungsaufruf von Angehörigen der Sektion Physik für eine "Initiative für die Umgestaltung an der Universität" vom 01. Dezember 1989

Das Ziel der Initiative war es mitzuhelfen, die Deformation zu beseitigen und die Glaubwürdigkeit der TU Dresden als demokratische Bildungseinrichtung in Deutschland wiederherzustellen, die allein den akademischen Prinzipien verpflichtet ist.

Ganz bewusst arbeitete man außerhalb der bestehenden Strukturen an der TU und hatte als eine Minderheit kein anderes Mittel zur Verfügung als sich des Rechts auf freie Meinungsäußerung zu bedienen. Dieses hohe demokratische Gut, das in diesem Teil unseres Vaterlandes seit zwei Generationen nicht ausgeübt werden konnte, hatte sich das Volk auf der Straße durch eine friedliche Revolution zurückerobert.

Für die Vertreter des alten Systems bedeutete "Wende" hauptsächlich Hinwendung zu den neu gewonnenen Freiheiten, um die eigene Machtposition zu festigen. Das Wort "basisdemokratisch" konnte man nun allenthalben hören.
Die Universitätszeitung titelte am 13.12.1989: "TU im demokratischen Aufbruch". Den Angehörigen des Mittelbaus und deren Verbündeten wurde hingegen fehlende Legitimation vorgeworfen, ihre Wortmeldungen als "undemokratisch" bezeichnet.
Aus dem Rektorat war inzwischen die Anweisung gekommen, die Anrede in Briefen: "Liebe Genossinnen und Genossen" durch "Sehr geehrte Damen und Herren" und die Schlussformel
"Mit sozialistischem Gruß" durch "Hochachtungsvoll" zu ersetzen:


Rektormitteilung zur neuen Briefgestaltung vom 20. November 1989

Der Appell der Kollegen der "Initiative" aus der Physik stieß auf großen Widerhall bei Gleichgesinnten, und bereits im Januar 1990 hatten sich ihr Kollegen aus fast allen Sektionen angeschlossen. Nach anfänglichem Zögern hatten sich nun auch die Studenten organisiert und beteiligten sich fortan in den neuen Studentenräten aktiv am Erneuerungsprozess.

Die Wahl von Prof. Günther Landgraf zum neuen Rektor im Februar 1990 war das erste sichtbare Zeichen des Neubeginns an der TU. Er übernahm das schwere Amt in einer Zeit, in der praktisch alles im Umbruch war und war darüber hinaus verantwortlich für alle Prozesse, die die Erneuerung der Universität betrafen. Er war ein geschätzter Partner aller progressiven Kräfte an der Universität.

In den letzten Monaten der Existenz der DDR setzte die Initiative ihre Meinungsäßerung fort. Man vertrat die Ansicht, dass das Ansehen der TU schweren Schaden nimmt, wenn ein Professor weiterhin Mitglied des Lehrkörpers ist, der in den USA wegen Militärspionage verurteilt worden war, danach gegen Zahlung einer hohen Kaution auf freien Fuß gesetzt wurde, und der dann im Zuge einer medienwirksamen Austauschaktion von Ost- gegen Westspionen auf der Glienicker Brücke in die DDR und an die TU zurückkehren konnte.

Von Anfang an bot die Initiative ihre Bereitschaft zu Diskussion und Zusammenarbeit mit den Sektionsleitungen an. Als dann aber konkret angemahnt wurde, die Kollegen zu rehabilitieren, die nachweislich in ihrer Entwicklung behindert worden waren, stieß man auf Ablehnung. Stattdessen wurde mehrfach versucht, Kandidaten aus alten Berufungslisten auf der Grundlage von Kaderentwicklungsplänen der DDR durchzubringen. Daraufhin wandte sich die Initiative an DDR-Bildungsministerin Emons in Berlin mit dem Ersuchen, vorerst alle Berufungen zu stoppen. Dabei musste in Kauf genommen werden, dass sich zwangsläufig auch die Berufung integrer Kandidaten verzögerte.

Immer deutlicher wurde, dass ein ehrlicher Neuanfang an der TU ohne eine personelle Erneuerung unmöglich war. Im Herbst 1990 brachte die Initiative eine Meinung zum Ausdruck, die für allerhand Wirbel sorgte:
Sie lautete, dass niemand für ein höheres Leitungsamt an der TU kandidieren sollte, der ein solches auch schon vor dem Oktober 1989 eingenommen hatte und resultierte aus der inzwischen gemachten Erfahrung,
dass jemand, der in das alte System eingebunden war - und sei er auch selbst nicht oder nur wenig belastet - wegen Befangenheit ungeeignet ist, die schwierigen Prozesse der Erneuerung aktiv selbst zu gestalten.

Inzwischen war die Initiative auch mit einer eigenen Liste zur Wahl des Personalrats angetreten:


Aushang zur Personalratswahl 1990: Liste der "Initiative für die Umgestaltung an der Universität"

Eine wichtige Etappe bei der Erneuerung an unserer Universität begann am 8. November 1990 mit der Gründung der Basisgruppe TU des Landesverbandes Akademischer Mittelbau Sachsens (kurz: LAMS). Unter seinen beiden ersten Sprechern, Dr. Hans-Gert Mayer und Dr. Hartmut Riedel, wurde ein wichtiger Beitrag für den Neubeginn geleistet. Verbindungen zum Landesvorstand Sachsen wurden hergestellt, dessen erster Sprecher, Prof. Wilfried Naumann, den nachfolgenden Vortrag halten wird. Durch die Kontakte zu den Vertretern des Mittelbaus der Hochschule für Verkehrswesen (HfV) konnte die Arbeit auf breitere Schultern verteilt werden. So war z.B. Rudolf Kühne von der HfV-LAMS-Gruppe ständiger Gast bei den Beratungen der Basisgruppe der TU und wurde später in deren Vorstand integriert.

Durch den Status des LAMS als Interessenvertretung bekamen die Aussagen auch offiziell mehr Gewicht. Seit dem 10.12.1990 nahm Dr. Peter Böhmer (LAMS) als Gast ohne Antrags- und Stimmrecht an den Sitzungen des Senats teil.

In der gleichen Sitzung des Senats hatte der Studentenrat Aktivitäten zur Vergangenheitsbewätigung angemahnt und eine Überprüfung der Stasiakten aller Hochschullehrer und Mitarbeiter gefordert.
An dieser Stelle ist es nötig, einen Blick auf die Verflechtung von TU und Stasi zu werfen: Die Bezirksverwaltung Dresden des MfS hatte eine spezielle Objektdienststelle TU mit 30 hauptamtlichen Mitarbeitern eingerichtet. Diese besaß eigene Räume an der TU, manche andere Räume waren "verwanzt" (z.B. im Zeuner-Bau). Eine Kontrolle im Februar 1990 ergab, dass es von der TU aus eine direkte Televonverbindung in die Stasi-Zentrale Bautzner Str. bestand und jeder Hausapparat der TU von dort abgehört werden konnte.


Im Bild: Szene vor dem Eingang der Stasi-Zentrale Bautzner Straße in Dresden einige Tage bevor Demonstranten am 05. Dezember 1989 deren Öffnung erzwangen.

Außerdem gab es so genannte IM (Informellen Mitarbeiter), die sich gegenüber einem Führungsoffizier durch Unterschrift und mit einem Decknamen zur geheimdienstlichen Zusammenarbeit verpflichtet hatten.
IM waren in der Auslandsspionage mit dem Ziel der Anwerbung von Fachkollegen im kapitalistischen Ausland tätig, lieferten aber auch Informationen z.B. über ihren Kollegenkreis.
Von den IM an der TU hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt nur ein kleiner Teil freiwillig zu ihrer Vergangenheit bekannt. Heute ist bekannt, dass z.B. in der Sektion Physik mindestens 8 % aller Wissenschaftler geheime Verbindungen zur Stasi hatten, der Anteil der Hochschullehrer betrug mindestens 20 %.

Die Verbände unterstützten nachdrücklich die Aktivitäten des Studentenrates. Unter den Angehörigen des Mittelbaus breitete sich zunehmend Unsicherheit aus, Misstrauen störte die Atmosphäre.
Ein Stellenabbau an den Hochschulen schien unvermeidlich zu werden. Dabei zeichnete es sich ab, dass der Mittelbau im besonderen Maße davon betroffen werden würde. Konnte man denn davon ausgehen, dass die konspirativen Strukturen allein deshalb nicht mehr funktionierten, weil es das zugehörige Amt nicht mehr gab? Sollten etwa jetzt dieselben Leute darüber entscheiden, welcher Arbeitsplatz erhalten bleibt und welcher nicht, die jahrelang in ein System der Unterdrückung und Bespitzelung eingebunden waren?

Es wurde klar, dass der innere Frieden und das internationale Ansehen der TU nur dann wiederhergestellt werden konnte, wenn die Hochschulen von MfS-Altlasten befreit werden. Zudem war die Rechtslage klar durch den Einigungsvertrag geregelt.

LAMS und Initiative, die sich inzwischen organisatorisch dem "Bund Freiheit der Wissenschaften" angeschlossen hatte, formulierten Vorschläge zu Verfahrensfragen bei diesem Prozess und richteten Ende Januar 1991 eine Denkschrift an den Sächsischen Landtag und an die Landesregierung. Doch die Umsetzung des betreffenden Senatsbeschlusses über die Einleitung der erforderlichen Maßnahmen in Abstimmung mit der Regierung des Freistaates, insbesondere durch Aktenprüfung bei der Gauck-Behörde, verzögerte sich.

Im März 1991 wandten sich die Verbände erneut an den Staatsminister für Wissenschaft und Kunst Prof. Hans Joachim Meyer, und es fanden Gespräche mit dem parlamentarischen Staatssekretär Prof. Volker Nollau statt. In diese Zeit fällt auch ein sehr intensiver Kontakt und Meinungsaustausch mit dem bildungspolitischen Sprecher der CDU-Fraktion, Dr. Matthias Rößler, der betreffs der Dringlichkeit der Angelegenheit die gleiche Meinung vertrat. Kontakte zu Mitgliedern des Bundestages und des Sächsischen Landtages, zum Bundesminister für Wissenschaft und Bildung und zum Staatsminister Arnold Vaatz wurden genutzt. Man wandte sich an die Presse mit dem Ziel, auch die Öffentlichkeit für das Problem zu sensibilisieren.

Ende April 1991 waren immer noch keine Anträge auf Überprüfung bei der Gauck-Behörde in Dresden eingegangen. So entschlossen sich der LAMS-Vorstand der Basisgruppe TU und die "Initiative" spontan, für sich selbst die Überprüfung bei der Gauck-Behörde zu beantragen.

Letztlich waren die Bemühungen aller Beteiligten erfolgreich: Ende Mai beschloss der Landtag mit großer Mehrheit, die Überprüfung der Mitarbeiter der Hochschulen auf Zusammenarbeit mit dem MfS zu beschleunigen und der Ministerpräsident erließ eine diesbezügliche Verfügung.

Gemeinsam mit den anderen Verbänden, die aktiv am Prozess der Erneuerung beteiligt waren, spielten die Vertreter des akademischen Mittelbaus in dieser ersten Phase der Umgestaltung eine wichtige Rolle, sie waren gewissermaßen in diesem Prozess "Vor-Post-en".

Mit der Ernennung von Alfred Post zum Kanzler der TU im April 1991 begann eine neue Etappe:

Erste Mitteilung des Kanzlers der TU Dresden, Alfred Post vom 02.Mai 1991

Brief des Kanzlers der TU an den Vorstand der LAMS-Basisgruppe
Von Anfang an entwickelte sich ein sehr gutes Verhältnis zwischen Kanzler und Vertretern des Mittelbaus, das bis heute anhält. Das heißt nicht, dass es nicht auch unterschiedliche Auffassungen zu Einzelfragen gegeben hätte und darüber heftig gestritten wurde. Beide Seiten einende gemeinsame Zielstellung blieb stets eine erneuerte und leistungsfähige TU Dresden.

Weitere Aktivitäten im Zeitraum 1991-1993 sind in einer Übersicht zusammengestellt.

Übersicht zu Aktivitäten des akademischen Mittelbaus der TU Dresden im Zeitraum 1991-1993

  • Mitarbeit am "Runden Tisch" des Rektors (ab 03.04.1991)

  • Sächsisches Hochschulerneuerungsgesetz (SHEG) vom 25.07.1991
    • Meinungsbildung und Erarbeitung von Änderungsvorschlägen zum Entwurf, vor allem zu den Paragraphen der personellen Erneuerung

  • Umsetzung des SHEG an der TU (ab Herbst 1991)
    • Mitwirkung in den Personalkommissionen (PK)
    • Wahrnehmung des eingeräumten Vorschlagsrechts für die Kandidaten der PK
    • Konkrete Vorschläge zur TU-internen Arbeitsordnung der PK
    • Unterstützung der PK-Arbeit durch eine Archivarbeitsgruppe (mit "Gauck"-überprüften Mitgliedern von LAMS, VHW, BFW)
    • Mitgestaltung der Arbeitsordnung für die Fachkommission
    • Mitarbeit in den Arbeitsgruppen "Hochschulerneuerung"

  • Säachsisches Hochschulstrukturgesetz (SHSG) vom 10.04.1992
    • Erarbeitung von Änderungsvorschlägen zum Entwurf
    • Intensive Gespräche mit dem Wissenschaftsminister zur Perspektive des akademischen Mittelbaues
    • Einflussnahme auf den Stellenplan der TU

  • Sächsisches Hochschulgesetz (SHG) vom 04.08.1993
    • Meinungsbildung und Erarbeitung von Vorschlägen zum Entwurf des SHG

  • Wahlordnung und Grundordnung der TU
    • Maßgebliche Mitarbeit an der Erarbeitung von Wahlordnung und Grundordnung der TU, insbesondere zur Frage von Gruppenvertretungen in den Gremien

Der Rektor, Prof. Günther Landgraf, hatte einen "Runden Tisch" eingerichtet, der ab 03. April 1991 regelmäßig einberufen wurde und an dem aktuelle Probleme der Erneuerung diskutiert wurden. Neben Vertretern des Personalrats und des Studentenrats nahmen LAMS, BFW/Initiative sowie der Verband Hochschule und Wissenschaft im Deutschen Beamtenbund (VHW) und der Deutsche Hochschulverband (DHV) teil.
Es entwickelte sich eine sehr konstruktive Zusammenarbeit und vieles konnte in der Folgezeit nur deshalb erreicht werden, weil die Verbände gemeinsam bzw. zusammen mit dem Rektor auftraten.

Die Arbeit wurde nämlich nicht geringer. Die Folgezeit war geprägt durch intensive Diskussion zu wichtigen Gesetzen, die in den Sächsischen Landtag eingebracht werden sollten.
Beim Sächsischen Hochschulerneuerungsgesetz ging es vor allem um die Paragraphen zur personellen Erneuerung. Unter einem enormen Zeitdruck wurden Änderungsvorschläge zum Entwurf bis in alle Einzelheiten diskutiert und formuliert. Hier bewährte sich die gute Zusammenarbeit mit dem Ausschuss für Wissenschaft und Hochschulen des Sächsischen Landtages und mit den bildungspolitischen Sprechern verschiedener Fraktionen.

In dieser Zeit wurde gelegentlich die Meinung geäußert, dass es doch vielleicht besser sei, die TU für eine gewisse Zeit ganz zu schließen und danach als Neugründung wieder zu öffnen.
Dies durfte nun auf gar keinen Fall passieren. Auch die Angehörigen des Mittelbaus setzten gemeinsam mit den kommissarisch Berufenen alles daran, dass vorübergehend auftretende Engpässe nicht die Lehre gefährden konnten. So übernahmen z. B. Oberassistenten in der Sektion Maschinenewesen große Vorlsesungen. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als mir als Theoretischem Physiker die Vorlesung "Experimentalphysik" für Physikstudenten übertragen wurde. Dabei konnte ich von den Erfahrungen bei der früheren Tätigkeit als Vorlesungsassisten bei meinem hoch verehrten Lehrer in Experimentalphysik, Prof. Alfred Recknagel, profitieren. Mit der tatkräftigen Hilfe der Vorlesungsmechaniker gelang das Unterfangen.

Nach der Verabschiedung des Gesetzes begann im Herbst 1991 die schwierige Phase seiner konkreten Umsetzung an der TU durch die Bildung der Personal- und Fachkommissionen und der Arbeitsgruppe "Hochschulerneuerung". Letztere hatte die Aufgabe, Vorschläge für Wissenschaftler zu erarbeiten, die mit der kommissarischen Wahrnehmung eines Professorenamtes beauftragt werden können.
Auch in den folgenden beiden Jahren wurde ein enormes Arbeitspensum geleistet. Auf Landesebene ging es um die Diskussion weiterer wichtiger Gesetze wie Strukturgesetz und Hochschulgesetz, auf TU-Ebene mit der Erarbeitung der Wahlordnung und Grundordnung um die Schaffung der Grundlagen für für eine weitere demokratische Entwicklung unserer Universität.

Ein Aufruf im November 1993 zu den Gremienwahlen an der TU beendete diese Etappe. Eine gewisse Normalität war erreicht worden und die "Mühen der Ebene" begannen.

Der Neuanfang fand eine logische Fortsetzung durch die Neugründungen der Fakultäten, auch sei z.B. an die Gründung des Hannah-Arendt-Instituts am 17. Juni 1993 erinnert.

Rückblickend kann man feststellen, dass der Neubeginn an unserer Universität in den Jahren 1989-1993 sicher zu den kompliziertesten Abschnitten der 175-jährigen Geschichte gehört.

Bei diesem Prozess wurden auch Fehler gemacht, manche davon schmerzen heute sehr.

Die schwierige Etappe der Erneuerung war nicht ohne Brüche und Einschnitte zu bewältigen, Gerechtigkeit ist keine absolute Größe und Selbstgerechtigkeit kein guter Ratgeber. Doch einen "Kahlschlag" (im Sinne einer Pauschalverurteilung) hat es ebenso wenig gegeben wie eine "Hexenjagd". Gerade mit diesen Begriffen versuchten manche Kreise in der Öffentlichkeit, die Erneuerungsbewegung an der Universität zu diffamieren.

Viele Kräfte an der TU und an anderen Einrichtungen wie Hochschule für Verkehrswesen und Pädagogische Hochschule, die in die TU integriert wurden, waren an der Erneuerung beteiligt. Die Aktivitäten des akademischen Mittelbaus, die besonders die Anfangsphase mitgeprägt haben und die in diesem Vortrag im Mittelpunkt standen, bilden nur einen Ausschnitt aus dem Gesamtprozess. Dieser war ohne Beispiel und konnte nur gelingen durch den Rückhalt in der Gesellschaft und bei deren Repräsentanten in Landtag und Regierung.

Bei den Beteiligten wurden zusätzliche Kräfte freigesetzt durch eine einmalige Aufbruchstimmung nach einer Revolution, die auf der Straße friedlich begann. Dass diese auch friedlich zu Ende geführt werden konnte, verdanken wir nicht zuletzt der Unterstützung aus dem anderen Teil Deutschlands.

Abschließend möchte ich Dr. Peter Böhmer, Dr. Jürgen Brunner, Dr. Eberhard Kraus, Dipl.-Ing. Rudolf Kühne, Dr. Peter Müller, Dr. Hartmut Riedel und Prof. Siegfried Scholz herzlich danken, die beim Zusammentragen von Daten und Fakten geholfen haben.